Das war wirklich das letzte Konzert in Dresden
Pressekritik der „Dresdner Neusten Nachrichten“ von Wolfgang Zimmermann vom 01.06.2015 (Auszug)
Fotos: Tina Hut

Als es einst mit der politischen Wend 1989/90 merklich ruhiger um die im Jahre 1969 gegründete Dresdner Vorzeige-Rockband electra wurde, traf ich Wolfgang Riedel ganz zufällig mal im Tharandter Wald. Auf meine Frage, wie es denn derzeit mit den Muggen stehe, zuckte er nur mit den Achseln. Und schob dann noch die Feststellung „Geht so.“ und den halben Satz „Könnte aber besser sein.“ hinterher. Ein Statement, das damals wohl für die meisten Ost- Rockbands galt. Verständlich. Denn wer wollte denn auch auf dem nun unendlichen Musikmarkt noch die Musik aus sozialistischen Zeiten hören? Das änderte sich erst, als das hiesige Publikum zu begreifen begann, dass Rockmusik, die einst (auch) aus dem Widerstand heraus komponiert und gespielt wurde, sehr viel mehr Inhalt bot als die banalen Geschichten, die manche Rockband aus den westlichen Landen in ihren Texten und mittels der meist sehr einfachen strukturierten Kompositionen erzählen.

Natürlich schielten auch die Musiker von electra in die westliche Richtung, wenn es um die wahre Qualität von Rockmusik ging. Sie orientierten sich musikalisch aber eher an Bands wie Blood, Sweet and Tears, Pink Floyd, Jethro Tull oder auch Procol Harum. Solcherart Einflüsse formten daher die Musik von electra in der zeit vor 1989 ganz entscheidend.

Und die Band blieb diesem Prinzip auch nach der politischen Wende treu verhaftet. „Kunstrock“ im besten Sinne bot sie ihrem Publikum an. Zwar nicht mehr so häufig wie früher, doch dafür in der Qualität sehr viel intensiver.

Und auch die electra-Anhänger bleiben ihrer Band treu, über all die Jahre hinweg. Sie wurden sozusagen gemeinsam miteinander alt, die Musiker und ihr Publikum.

Das war auch im nun anberaumten und restlos ausverkauften Konzert von electra (dem ersten von drei ausverkauften Abschiedskonzerten) im Alten Schlachthof zu beobachten. Jugendliche waren an diesem Abend Mangelware in der Halle. Die wahren electra-Fans ordneten sich nicht nur schon jenseits der 40 ein, sie sangen auch die meisten Songs erstaunlich textsicher mit. Wie die Hits „Wenn die Blätter fallen..“, „Einmal ich, einmal du..“, „Einmal Amerika“, „Nie zuvor“ oder die kunstvollen Worte von „Tritt ein in den Dom“, die Kurt Demmler in Anlehnung an einen Text von Alexander Blok schrieb.

Nach solch einem Chor von vielen hundert Kehlen wirkt die darauf folgende Ansage von Bernd Aust durchaus wie ein Anachronismus. „Nach 46 Jahren der Erfolgsgeschichte electra ist Schluss!“, verkündet der Bandchef. Der aufmerksame Beobachter aber wird das Gefühl nicht los, dass im Saal keiner so richtig an dieses Ende glauben will.

Dabei wird es ja offensichtlicher, zählt man die abwesenden Musiker noch hinzu, wie den Drummer „Mampe“ Peter Ludewig, der in Kürze seinen 74. Geburtstag feiern wird. Überhaupt, die bei electra fest oder sporadisch spielenden Musiker sind Legionen; darunter findet man solche bekannte Namen wie Peter Sandkaulen, Hans Peter Dahanetz, Gisbert Koreng oder Stephan Trepte. Die beiden letztgenannten waren im Alten Schlachthof stimmgewaltig wie eh und je dabei. So dass die so negativ geprägte Erinnerung an die gespaltene Persönlichkeit eines Manuel von Senden gar nicht erst bis an die Oberfläche drang. Was aber wäre ein electra-Konzert ohne die „Sixtinische Madonna“? Was ohne diese ganz besondere Art, in einer Adaption den Mozart´schen „Türkischen Marsch“ zu spielen? Oder auch sehr rockig Aram Chatschaturjans Musik zum Ballett „Gayaneh“ zu interpretieren. All dies nun im unverfälschten electra-Sound hören zu können, auch deshalb wohl waren so viele Dresdner zu diesem Konzert gekommen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Denn den Schlussteil des Konzertes bildete eben jene Rocksuite in drei Sätzen (Der Maler/Das Bild/Der Betrachter) unter dem Titel „Die Sixtinische Madonna“. Es war einst ein Auftragswerk des Zentralrats der FDJ zum zehnjährigen Bandjubiläum gewesen, zu dem Kurt Demmler den Text verfasste, Bernd Aust die Komposition und die Arrangements schuf.

Die Aufführung an diesem Abend nun wurde zu einem ganz besonderen musikalischen Höhepunkt. Denn für die Rocksuite war der Große Chor von Hoyerswerda mit rund siebzig Sängerinnen und Sänger angereist.

Das großartige Zusammenspiel von Band und Chor hielt die Besucher dann auch nicht mehr auf ihren Plätzen. Ein wahrhaft würdiger Abschied einer Rockband von der Bühne. Dem setzte Stephan Trepte in der Zugabe noch einen drauf, indem er „Tritt ein in den Dom“ sang.