Träumen mit offenen Sinnen
Die Dresdner Band electra feierte im Alten Schlchthof Release-Party zum 35. Bandjubiläum
(Dresdner Neueste Nachrichten vom 25.10.2004)

Nach der General- probe vor zwei Jahren hat electra nun - erst-mals seit 15 Jahren - wieder ein richtiges Jubiläum gefeiert. Dabei schien es doch, als habe die Geschichte der Dresdner Band mit dem 89er Konzert im Kulturpalast einen letzten Höhepunkt erfahren. In negativer Hinsicht den, dass sie vom Moderator des Abends erfuhr, Manuel van Senden habe das große Glück, fortan in der Semperoper singen zu dürfen...

Damals sprang zwar Stefan Trepte ein, spontan und voller Tatendrang, doch bald darauf standen die Zeichen für Ost-Rock auf Niedergang. Bernd Aust und seine Mitstreiter wollten es sich im Unterschied zu manchen Kollegen nicht antun, am Ende vor leeren Hallen zu vor einem Häuflein Aufrechter zu spielen und zogen sich aus dem professionellen Geschäft zurück. Ein fertig eingespieltes Album blieb im Studio liegen. Doch inzwischen haben sich die Zeiten offenbar normalisiert. Mit gelegentlichen, nun rein freudbetonten Auftritten ist electra seit Jahren wieder auf der Bildfläche, bis vor kurzem offenbar ohne den Anspruch, noch einmal ganz neue Kapitel der Bandgeschichte zu schreiben. Abgeschlossen in einer schönen Acht-CD-Box plus einem Doppler mit Singles und Raritäten ist diese nun für jedermann greifbar. Abgeschlossen - wäre da nicht das Album "Der aufrechte Gang" das noch nie richtig im Licht der Bühne gestanden hatte. Mit ihm endete ein audiovisueller Trip durch die Geschichte von electra, und mit dem Titelsong begann auch der Live-Teil des dreistündigen Konzertabends am Sonnabend im Alten Schlachthof. Bernd Aust, so aufgekratzt und inspiriert wie in alten Zeiten, führte durch ein mit vielen Extras gespicktes Programm und begann mit eine im Verweis Brian Wilson, der sein Mitte der 60er Jahre entstandenes "Smile" auch erst in diesem Jahr aufführte. Dagegen nähmen sich die 14, 15 Jahre, die electras bislang letzte Einspielung auf Eis lag, doch bescheiden aus.

Nicht Schwelgen in Erinnerungen, sondern Release-Party war also angesagt. electra zurück auf der Bühne, für die Perfektion von Präsentation und Sound wurde mehr Aufwand getrieben als für die musikalischen Proben. Ehrensache für Konzertveranstalter Bernd Aust. Das Ergebnis war eine Show ohne Hänger und Stockungen, trotz der manchmal stark kontrastierenden Teile nicht nur kurzweilig, sondern wie aus einem Guss.

Die Band wirkte tatsächlich elektrisiert, spielte druckvoll, ohne die Zuhörer zu überfordern. Überlaute Drum-Einsätze oder wummernde Tiefbässe sind wie die Pyrotechnik nur für Höhepunkte gedacht. Das Publikum war freilich nicht bloß dankbar, sonder so aufgeschlossen und bewandert, wie man es heute nicht oft auf die Beine bringt. Da wurde nicht nur auf die Gesangs-Eskapaden von Mampe Ludewig gewartet, die Free Little Pigs mit Aust-Sohn Sascha nicht nur lächelnd geduldet, da kannte man nicht nur Gisbert Koreng als früheres electra-Mitglied, sondern war auch bei Reinhard Lakomy textsicher und ließ sich von Conny Bauers Posaunensolo ohne Einschränkung ebenso mitreißen wie von den Satz-Passagen mit Bernd Aust am Saxophon.

electra, aus heutiger Sicht d i e Dresdner Band der klassischen Rock-Ära, hat in gewissem Sinn keinen eigenen Stil. Was ihr besonderes Image ausmacht, wurde an diesem Abend im ausverkaufen Alten Schlachthof gewissermaßen in exemplarischen Bausteinen vorgeführt, von Klassik-Adaptionen über Coverversionen vorzugsweise nach Jethro Tull bis zu ganz eigenartigen Schöpfungen an den Grenzen der Rockmusik wie dem schon legendären "Tritt ein in den Dom" oder dem heute verblüffend aktuellen "Grünen Esel". Artrock ist dafür nur ein zu vager Begriff, vielmehr stand electra immer für Aufgeschlossenheit gegenüber allen musikalischen Zeiten und Strömungen - und allem was ihre Zuhörer bewegt. electra hatte auch schon immer die handwerklichen Voraussetzungen, um die Grenzen zwischen "E" und "U" zu verwischen - das Zusammentreffen mit Lakomy und Bauer, einst Austs Kommilitonen an der Dresdner Musikhochschule - unterstrich nur noch einmal, auf welchem Niveau man sich dabei bewegt.

Was folgt nun aus dieser Art des aufrechten Gangs? Nur ein schöner Traum für eine Abend sollte es nicht bleiben. So, wie die vier neuen Stücke über die Rampe kamen wirken sie vom Inhalt her zeitgemäß bis auf dem Punkt, haben auch vom Sound her so wenig Patinaa angesetzt, sind ganz stark geprägt von der nun noch reiferen Farbe des Stefan Trepte. Neben Citys gerade erschienem "Silberstreif am Horizont" muss man sich damit nicht verstecken. Da trifft übrigens ähnliche Befindlichkeiten, ähnliche Verwurzelung in der eigenen Biographie. Die Fähigkeit, in der Rockmusik auch mit Satire und (Selbst)ironie umzugehen ist so häufig nicht. Ganz nebenbei schützt sie vor dem Hang zur Selbstdarstellung und macht aus sentimentalgeladenen Momenten wie dem beiderseitigen Jammen von Vater und Sohn so etwas wie eine utopische Normalität.

Thomas Petzold